Grabsteine eines alten Judenfriedhofs

Projekt der Firma max böse Natursteine: Restaurierung des jüdischen Friedhofs in Vogelsberg-Städchen

Findet man einen jüdischen Friedhof, fällt sofort auf, dass hier eine ganz besondere Stimmung vorherrscht. Die Grabsteine ähneln sich in Gestalt und Material sehr und auch die Beschriftung scheint ähnlichen Mustern zu folgen.  Die meisten Gräber sind alt und haben im Laufe der Jahrzehnte die natürliche Patina ihrer Umgebung angenommen. Jedoch ist keine der Anlagen bepflanzt, sowohl Blumen als auch Dauergrün sucht man hier vergebens.  Stattdessen finden sich oft kleine Steine auf und um die Grabstätten verteilt, nicht selten zu kleinen Türmen aufgereiht. 

Merkmale eines jüdischen Friedhofs
Der jüdische Friedhof unterscheidet sich nicht zwangsläufig grundlegend vom christlichen, die kleinen unterschiedlichen Nuancen aber vermitteln sofort den Eindruck von etwas Besonderen. Die Firma max böse Natursteinwerk GmbH hatte den Auftrag,  einige Grabmale des historischen jüdischen Friedhofs  in Schlitz teilweise zu restaurieren. Dabei hatten wir die Gelegenheit, die besonderen kulturellen und theologischen Gegebenheiten kennen zu lernen. Für ein Unternehmen, das moderne Grabsteine produziert war das eine besondere Freude und Herausforderung. Denn trotz oberflächlicher Ähnlichkeiten zu unserer christlichen Bestattungskultur finden sich bei den Grabmalen zahlreiche Unterschiede in Aufbau, Ausrichtung, Symbolik und vielem mehr.

Grabsteine eines alten Judenfriedhofs

 
Jüdische Grabstätten sind sehr alt

Als eine der signifikantesten Auffälligkeiten ist hier sicher die Ruhezeit der Gräber zu erwähnen. Ein jüdisches Grab steht für die Ewigkeit, es gibt praktisch keine begrenzte Ruhezeit nach der das Grabmal abgebaut wird. Das hat zur Folge, dass auf alten jüdischen Friedhöfen nicht selten Gräber zu sehen sind, die bereits mehrere Generationen überstanden haben.

Einer der ältesten Friedhöfe, der jüdische Friedhof Berlin-Weißensee, besteht seit 1880. Knapp 130 Jahre ist er alt und der größte jüdische Friedhof in Europa, auf dem noch bestattet wird. Das unter Denkmalschutz stehende Areal soll in einigen Jahren offiziell zum Weltkulturerbe der UNESCO zählen. Der älteste jüdische Grabstein steht in Worms, und ist auf das Jahr 1058 – 1059 datiert. Im Raum Fulda finden sich nur wenige historische jüdische Begräbnisstätten.

Besonderheiten in Form und Beschriftung von jüdischen Grabsteinen
Die Form und Beschriftung der einzelnen Grabsteine unterscheidet sich ebenfalls im direkten Vergleich zu den christlichen Denkmälern. Die häufigste Form ist eine sehr schlanke, anmutige Stele, meist oben abgerundet. Gefertigt werden und wurden diese größtenteils aus den heimischen Sandsteinarten. Die Silhouette steht als Symbol für den Menschen und ist nicht selten auch in hölzerner Form gefunden worden. Bis ins 19. Jahrhundert wurden jüdische Grabsteine fast ausschließlich nur hebräisch beschriftet, und nach Jerusalem ausgerichtet. Eine hebräische Grabinschrift setzt sich aus mehreren Elementen zusammen:

  • Namen
  • Daten
  • Einleitungsformel
  • Schlusssegen, oft durch Eulogie (griech.: Lob, Lobrede) erweitert

Keine Geburtsdaten
Interessant ist, dass die Geburtsdaten nicht direkt angegeben werden, das Sterbedatum aber immer genau vermerkt ist. Anstelle des Geburtsdatums gibt es stattdessen oft genauere oder wenige genauere Hinweise auf das Alter eines Verstorbenen. Der Name des Vaters des Verstorbenen wird grundsätzlich mit angebracht.

Hände-Symbolik auf einem Grabstein
  
Hebräische und deutsche Schrift
Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde der deutschen Inschrift vielerorts ein immer höherer Stellenwert eingeräumt. Die hebräischen Inschriften wurden oft kürzer und formelhafter, meist auf die Angabe von Namen und Daten beschränkt. Bis sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf Einleitungs- und Schlussformel reduziert wurden oder ganz verschwanden. Erst mit Beginn der NS-Zeit kam wieder mehr die hebräische Inschrift auf. Deutsche Inschriften werden hierbei in die Rückseite des Grabmales gehauen.

Der Davidstern symbolisiert das Judentum
  
Kieselsteine auf den Gräbern
Sehr bekannt und verbreitet ist auch der Brauch kleine Kiesel am Grab zu hinterlassen. Nahm man früher noch an, dies sei eine symbolische Geste, abgeleitet vom Bestatten unter Felsgestein um Wildtiere fernzuhalten, so kennt man heute die wahre Bedeutung des sog. Dofèk. Ein Verschlussstein einer Grabhöhle wurde mit kleinen Kieseln und Steinen befestigt. Bei jedem Besuch mussten diese Kiesel entfernt und anschließend wieder angebracht werden. Aus diesem Vorgang heraus entstand der Brauch kleine Steine an das Grab zu legen oder zu stapeln.

dofek-steine-auf-juedischen-grabsteinen
 

Jüdische Grabsteine und ihre Symbolik
Symbolik hat einen sehr hohen Stellenwert bei jüdischen Grabmälern. Nahezu jeder Stein trägt ein Symbol und falls nicht, wird die Schrift kunstvoll zu einem Ornament typisiert. Ein Symbol beschreibt oft den Stand des Verstorbenen. So steht z. B. das Buch für Gelehrte, die federführende Hand für Schriftgelehrte, etc.
Einige Beispiele:

  • BESCHNEIDUNGSMESSER
  • SCHOFAR
  • BUCH
  • EINE FEDER FÜHRENDE HAND

Aber auch allgemein gehaltene jüdische Symbole finden sich oft, so z.B. der Davidstern, Leuchter und Lichter oder die Bundestafeln. Ist ein Symbol vorhanden, so übernimmt es den dominierenden Gestaltungsteil der Stele.

Trotz der relativ einheitlichen Gestaltungsvorgaben wurden dennoch Zeitgeist, Mode und sämtliche Kunststile in die Steinmetzarbeiten hineingelegt. So finden sich Grabsteine im Gotischen, Romanischen, der Renaissance und dem Neoklassizismus.

Restaurierungsaufgaben des Schlitzer Judenfriedhofs

Bei der Restaurierung der Grabmale des jüdischen Friedhofs in Schlitz war deshalb besonders darauf zu achten, alle Formen der Ornamentik und Typographie zu schützen. Der Erhalt der altehrwürdigen Arbeiten stand dabei stets vor der erfolgreichen Reinigung. Umgefallene Steine wurden neu gesetzt, Fundamente erneuert, Steine gereinigt und in manchen Fällen mussten Bruchstücke zunächst geborgen werden, bevor sie wieder zusammengefügt und gereinigt werden konnten. Dabei waren vielerlei handwerkliche Regeln zu beachten. Beispielsweise durften keine Metalldübel verwendet werden um Steine zu befestigen.

Wir durften eine spannende Aufgabe erfüllen und haben bei der Ausführung viel gelernt. Es macht uns sehr glücklich durch unseren Einsatz vor Ort dazu beigetragen zu haben, ein wichtiges Stück Friedhofskultur unserer Region zu schützen.

An dieser Stelle möchten wir nicht unerwähnt lassen, dass wir in unseren Grabmalzentren in Großenlüder und Kindelbrück Grabsteine für alle Religionen anbieten. Unser Teams beraten sie gerne.

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